Der Corona-Virus und die Angst

Der Corona-Virus ist psychologisch gesehen eine große Herausforderung für den Menschen. Warum ist das so? Insbesondere zwei Eigenschaften sind dafür verantwortlich. 

Corona - wir können die Gefahr nicht sehen

Die erste besteht darin, dass das Virus unsichtbar ist. Eine sichtbare Bedrohung kann wahrgenommen, bekämpft oder gemieden werden. Ist die Gefahr besiegt oder in ungefährlicher Distanz, können wir uns wieder beruhigen, unser Körper entspannt sich. Das Corona-Virus aber ist unsichtbar. Die Gefahrenquelle ist mit unseren Sinnen nicht zu lokalisieren. Wir können sie nicht riechen, ertasten, erschmecken, sehen oder fühlen. Der Virus entzieht sich der Wahrnehmung. Je nachdem wie wir den Corona-Virus für unser Wohlergehen oder das Wohlergehen unserer Liebsten einschätzen, kann das einen enormen Stress für uns bedeuten. Es kann dann zu einer andauernden psychischen Aktiviertheit, ständiger Kontrolle und Aufmerksamkeit führen. Der Körper befindet sich viel häufiger in einem alarmierten Zustand. Das ist anstrengend und erschöpfend. Es fällt uns schwerer, zur Ruhe zu kommen. Das kann sich in Nervosität, Gereiztheit, Verdauungsproblemen, Schlafproblemen und vielen anderen Symptomen zeigen, die mit einer Übererregtheit des sympathischen Nervensystems einhergehen.

 

Corona - wenn plötzlich alle zur möglichen Bedrohung werden

Die zweite große psychische Belastung durch den Corona-Virus ist der Angriff auf eine unsere Hauptbewältigungsstrategien gegen Angst. Der Corona Virus beeinträchtigt unser Bindungs- und Kontaktbedürfnis zu anderen Menschen. Wir sind soziale Wesen. Wenn wir ängstlich sind, benötigen wir Sicherheit, denn wenn wir uns sicher fühlen, empfinden wir keine Angst. Dieses Verhalten kann man bereits bei Kleinkindern beobachten, die beispielsweise, wenn Sie damit beginnen, die Umwelt zu erkunden, sich immer wieder der anwesenden Bezugsperson rückversichern. Die durch das Fremde auftretende Unsicherheit wird durch die anwesende Bezugsperson aufgefangen, so dass sich das Kleinkind sicher fühlen kann. Auch später noch ist dieses Verhalten zu beobachten. So wenden sich die meisten Menschen auf einer Party zunächst den Menschen zu, die Ihnen bekannt und vertraut sind. Insbesondere dann, wenn wir positive Bindungserfahrungen machen konnten, empfinden wir Sicherheit in der Bindung mit anderen Menschen. Im Falle von Corona sind gerade andere Menschen die Quelle der Bedrohung. Jeder ist potentieller Überträger. Andere Menschen und auch das eigene Selbst können so bewusst oder unbewusst mit potentieller Gefahr verbunden werden. Diese beiden Eigenschaften des Corona-Virus erschweren aus psychologischer Perspektive den Umgang. 

 

Corona - was genau macht uns Angst?

Es bleibt noch die Frage, wovor wir uns schützen möchten? Auf welche subjektive Gefahr macht die Angst uns aufmerksam? Hier können verschieden Gründe zusammen kommen und das kann zwischen Menschen stark variieren. Nachfolgend sind einige mögliche Ängste aufgelistet. Es kann hilfreich sein, sich damit auseinanderzusetzen und für sich selbst nachzuspüren, welche dieser Ängste in welcher Ausprägung zu dem eigenen Angstgefühl beitragen und welche Haltungen und Handlungen geeignet sein könnten, diesen zu begegnen.

  • Angst vor Ansteckung / Erkrankung
  • Angst vor dem Tod
  • Angst vor Verlust eines geliebten Menschen
  • Angst vor existentiellem Ruin 
  • Angst vor Arbeitsplatzverlust
  • Angst davor, Schuld auf sich zu laden / sich z.B. für eine Ansteckung oder Tod verantwortlich zu fühlen
  • Angst davor, die Nerven zu verliern
  • Angst davor, dass die Partnerschaft oder Familie zerbricht
  • Angst davor, nicht zu wissen wie es weitergeht / Kontrollverlust
  • Angst davor, sich nicht richtig zu verhalten / etwas falsch zu machen
  • Angst vor dem Alleinesein / Isolation
  • Angst vor einer negativen sozialen Bewertung durch andere /
  • Angst nicht mehr gut genug versorgt zu werden / davor zu verhungern 
  • Angst vor sozialer Kälte / Egoismus
  • Angst vor Einschränkungen / Machtausübung / Verboten
  • etc.

Die Liste lässt sich noch fortsetzen. Angst kann sich an alles binden, was man selbst als bedrohlich wahrnimmt. Die Bedrohung kann sich dabei auf eigene Bedürfnisse, Ziele, Wünsche, Werte, das Ansehen den eigenen Besitz und natürlich auch auf das soziale Umfeld beziehen. Sie ist ein subjektiver Anzeiger dafür, dass etwas, das einem wichtig ist, gefährdet sein könnte. 

 

Corona - wie unsere persönliche Bewertung unsere Angst bestimmt

Wird der Corona-Virus von uns als bedrohlich bewertet, so reagiert auch unser Körper wieder mit der „alten“ Angstreaktion (s. Textbeitrag "Was ist Angst?"). Je stärker der Virus als eine Gefahr gesehen wird, desto stärker fällt die Angst-Reaktion aus. Um Angst zu erleben, ist es also notwendig, dass bewusst oder unbewusst etwas als Gefahr bewertet wird. Wie stark unsere Angst ausfällt, hängt dann davon ab, was für uns auf dem Spiel steht und welche Möglichkeiten wir sehen, uns zur Wehr zu setzen. Diese Einschätzungen laufen oftmals automatisch und ohne unser bewusstes Zutun ab.

Corona - pendeln zwischen Akzeptanz und aktivem Handeln

Wichtig zu erwähnen ist, dass Angst ein subjektives Empfinden ist. Es ist etwas, das in uns entsteht und damit auch von uns beeinflusst werden kann. Dass Angst ein subjektives Empfinden ist, ist ganz leicht daran zu erkennen, dass Menschen auf die gleiche Situation unterschiedlich reagieren können. Es ist daher hilfreich, sich damit zu beschäftigen, wie man produktiv mit der eigenen Angst umgehen kann und wieder in einen Zustand der Sicherheit findet. Damit beschäftigen wir uns im nächsten Textbeitrag ("Wie kann ich mit der Corona-Angst umgehen").