Corona und die Maske

Woher kennen wir eigentlich Atemschutzmasken? Wenn Sie mögen, lassen Sie das Wort "Atemschutzmaske" einen Moment in sich nachklingen und beobachten Sie, welche Bilder Ihnen dabei spontan vor das innere Auge treten. Schauen Sie, ob Sie damit eine positive, neutrale oder negative Empfindung verbinden. 

 

Konnten Sie sich darauf einlassen? Was haben Sie gesehen, was haben Sie empfunden? Vielleicht sind es Bilder aus Smog-belasteten Gegenden in China. Oder Bilder aus der Zeit der Schweine- oder Vogelgrippe, Bilder aus einem Katastrophenfilm oder Bilder von Ärzten und Pflegepersonal im OP-Saal? Es sind für die meisten Menschen unheimliche, unangenehme Bilder, bei denen einen ein leichter Schauer befällt, wenn sie sich in der Vorstellung auftun. Man ist froh, weit weg von alledem zu sein, nicht zu der betroffenen Gruppe zu gehören. Es fühlt sich für einen Westeuropäer sehr fremd und unheimlich an, damit im Alltag konfrontiert zu sein. Wir assoziieren im ersten Schritt etwas Ungutes damit. Im zweiten Schritt, in der rationalen Analyse, verbinden wir etwas Schützendes damit. Es ist also irgendwie gleichzeitig gut und nicht gut. Es ist also ein Objekt, das uns ängstigt und gleichzeitig beruhigt. Solch einen Zustand bezeichnet man in der Psychologie als ambivalent.  

Aktuell dürfte es mit hoher Wahrscheinlichkeit "Corona" sein, was Ihnen schnell einfallen dürfte. Und plötzlich gehört man zur Gruppe derer, die auch einen speziellen Schutz benötigen, sei es nun zum Schutz für sich oder andere. Denn weder will man Opfer, noch Täter sein. 

So anstrengend - Corona raubt so manchen den letzten Nerv

Kennen Sie das auch? Irgendwie ist die Zeit gerade anstregender. Das hat verschiedene Gründe, z.B., dass man das eigene Leben neu organisieren muss. Gewohnheiten werden unterbrochen, Neues, Unvertrautes muss ausprobiert werden. Zwei wesentliche Einflussfaktoren auf die Angestrengtheit dürften die zukunftsorientierte Ungewissheit sein und die ständige Hab-acht-Haltung. Beides gehört im weitesten Sinne zum Angstspektrum. Da wir das Corona-Virus nicht sehen und auch mit den übrigen Sinnen nicht wahrnehmen können, müssen wir psychisch eine Meisterleistung vollbringen. Wir müssen uns sozusagen überall dort eine Gefahr einbilden können, wo sie auftreten könnte. Ich habe das ausführlich in dem Artikel Corona und die Angst beschrieben. Da die Gefahr aber niemals endgültig gemeistert sein kann, können wir nicht wirklich in Ruhe geraten. An jedem Ort, mit jeder neuen Begegnung, jeder Unachtsamkeit kann schließlich wieder Ansteckung drohen. Es ist, als ob hinter jeder Ecke eine Giftschlange läge. Das psychische System ist daher ständig aktiv wie ein Nachtwächter, der auf seinem Rundgang mit seiner Taschenlampe das Dunkel nach möglichen Gefahren ausleuchtet. Das ist, obwohl wir augenscheinlich vielleicht weniger tun als sonst, sehr anstrengend und ermüdend.

Wer angestrengt ist, möchte sich gerne erholen, wieder Kraft schöpfen. Wie kann das bei Bedrohung geschehen? Eigentlich gar nicht. Außer man kann etwas gegen die Bedrohung tun. Wir können! Es gibt viele Verhaltensmaßnahmen, die wir einhalten können um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Distanz wahren, kein Körperkontakt, Hygiene, etc. Was Sie gegen die Angst tun können, erfahren Sie hier. Der Nachteil der meisten dieser Verhaltensmaßnahmen ist, dass sie einer ständigen Verhaltenskontrolle bedürfen. Nehmen wir z.B. das Distanzgebot. Wenn ich im Kontakt mit anderen bin, muss ich ständig überprüfen, ob ausreichend Distanz gewahrt ist. Zum anderen bin ich abhängig davon, dass auch andere darauf Acht geben. Es ist ein bisschen so, wie die gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Es kostet aber Energie und erfordert Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und Disziplin. Ein komplettes Nähe- und Begegnungsverbot kann zwar einerseits psychisch entlasten, weil wir nicht mehr ständig unser Verhalten kontrollieren müssen, auf der anderen Seite ist die Isolation und das Kontaktverbot eine immense Belastung für den Mensch als soziales Wesen. Wir sehnen uns nach Entlastung! Und damit kommen wir zurück zum Thema dieses Artikels - die Atemschutzmaske. 

Die Atemschutzmaske - wie Sie der Psyche hilft

Warum ist die Atemschutzmaske psychologisch gesehen (auch) eine Entlastung? Neben ihren konkret infektionsschützenden Eigenschaften wirkt die Atemschutzmaske auch psychologisch. Sie bedeutet eine Entlastung für das psychische System. Die Aufmerksamkeit kann etwas herunterfahren. Das soziale Unbehagen wird reduziert. Wir fühlen uns dem Verhalten unserer Mitmenschen nicht mehr so ausgeliefert und können auch die eigenen Schuldgefühle dämpfen. Das Misstrauen gegenüber uns selbst und anderen kann sinken. Ob jemand unseren Weg knapp vor unserer Nase kreuzt oder uns direkt anspricht, wirkt nicht mehr automatisch so bedrohlich. Wir erleben wahrscheinlich weniger Angst, Wut, Hass, Ärger. Es entspannt die sozialen Beziehungen. Es kann wieder mehr Nähe, mehr Kontakt hergestellt werden. Wir können miteinander sprechen ohne Sorge uns damit gleichzeitig zu gefährden. Unser Bindungsbedürfnis wird wieder stärker befriedigt. Nichts ist natürlich ohne Nebenwirkungen. Auch das Tragen einer Atemschutzmaske nicht. Insbesondere in Zeiten in denen ein Gut, das alle benötigen, Mangelware ist, kann es zu unangenehmen sozialen Nebenwirkungen führen. Das Klopapier war hier ein Lehrstück. Auf die Nebenwirkungen des Tragens einer Atemschutzmaske in der aktuellen Situation möchte ich jetzt eingehen.

Was kann ich tun? - wie mit kognitiver Dissonanz umgehen

Die meisten Menschen denen ich begegne, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder in den Supermarkt, tragen keine Masken. Selbst die Verkäuferinnen nicht. Auf Nachfrage wird mir berichtet, dass es schlicht keine gäbe. Ich akzeptiere die Situation, merke aber ein Unwohlsein und auch einen Ärger in mir. Wie geht man mit einer Situation um, in der man etwas nicht bekommt, was man gerne hätte.

Kennen Sie die Geschichte vom Fuchs und den Trauben? Es geht darin um einen Fuchs, der gerne ein paar köstliche Weintrauben essen würde. Doch leider hängen diese viel zu hoch, so dass der Fuchs sie nicht erreichen kann. Als Reaktion darauf rümpft er die Nase und spricht verächtlich über die Trauben, die ja noch gar nicht reif genug und eh viel zu sauer seien. Er würde sie ja doch nicht mögen. Vielleicht kennen Sie diese Reaktion ja auch von sich. In der Psychologie spricht man dabei von der kognitiven Dissonanz. Wenn wir zwei entgegengesetzte Strebungen in uns haben, z.B., dass wir auf eine Feier möchten, aber, dass wir auch am nächsten Tag fit bei der Arbeit sein möchten, erzeugt das eine Spannung in uns. Dieser Spannungszustand wird dann als kognitive Dissonanz bezeichnet und wir versuchen eine Lösung zu finden, die die Spannung reduziert oder auflöst. Der Fuchs fand Sie darin, die Trauben abzuwerten. Denn unbekömmliche Trauben will keiner. Indem er die Trauben als unbekömmlich etikettierte, spürte er auch kein Verlangen mehr danach. Eine tolle Lösung - nicht?

Was hat das jetzt mit den Masken zu tun? Wir haben durch die Medien erfahren, dass Atemschutzmasken uns vor der Tröpfcheninfektion schützen können bzw. wir dadurch andere schützen können. Einige Bundesländer haben die Tragepflicht beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr verordnet und auch in Baden-Württemberg wird überlegt, ob, einhergehend mit der Lockerung der Maßnahmen, eine Maskentragepflicht kommen soll. Es wäre also hilfreich und erwünscht, solche Masken zur Verfügung zu haben. Vielleicht insbesondere dann, wenn wir doch mal Kontakt zu gefährdeten Personen haben müssen. Aber auch in anderen Situationen, bspw. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in beengten Räumlichkeiten, könnten Sie nützlich sein, um das soziale Leben schrittweise wieder anlaufen zu lassen. Masken sind derzeit aber noch ein knappes Gut und insbesondere den Personen vorenthalten, die sie am dringensten benötigen. Das ist natürlich auch richtig so, keine Frage! Psychisch müssen wir aber mit dieser Situation umgehen, dass wir etwas Hilfreiches nicht haben obwohl es existent ist. Wie können wir mit dieser kognitiven Dissonanz umgehen? Produktive Lösungen könnten sein, eben andere schützende Maßnahmen zu befolgen oder beispielsweise selbst welche zu nähen. Immer wieder ist es hilfreich, darauf zu fokussieren, was wir tun, wo wir handeln können. Es gibt natürlich auch noch andere psychische Strategien zur Spannungslinderung, aber am hilfreichsten ist es, sich auf die produktiven zu fokussieren. Hätten wir solche Kompensationsstrategien nicht, müssten wir häufig hilflos und handlungsunfähig in diesem Spannungszustand zwischen Anspruch und Realität leben.

Ich habe eine Maske, die du nicht hast

Ein anderes Phänomen dieser Tage ist, dass uns vereinzelt Menschen mit Atemschutzmasken begegnen. Das ist, wie eingangs erwähnt, eine befremdliche Situation, die unterschiedlich, meist ambivalent auf uns wirken kann. Wie geht man psychisch damit um, wenn einem derzeit ein Mensch mit einer Atemschutzmaske begegnet?  Welche Gedanken können dabei auftauchen? Wir können uns neugierig fragen: "Woher hat diese Person eine Maske?" oder auch verärgert und empört reagieren: "Wieso trägt diese Person hier einfach eine Maske, wo diese doch im Gesundheitssystem überall fehlen!". Wir können auch neidisch sein, weil wir selbst gerne eine hätten, aber nicht in der Lage sind, eine zu bekommen. Es kann Gefühle von Minderwertigkeit auslösen, z.B. das Gefühl, zu einer nicht schützenswerten Gruppe zu gehören. Wir können uns sogar persönlich angegriffen fühlen, wenn uns ein Maskenträger, z.B. in der Bahn gegenübersitzt: "Als ob ICH gefährlich wäre. Bei mir müsste die Person aber nun wirklich keine Angst haben. ICH bin doch keine Gefahr". Selbst dann, wenn wir wissen, dass wir es nicht wissen können, ob wir eine Gefahr darstellen und natürlich genau so Träger sein könnten. Wir können auch traurig werden über die Situation und unter der wahrgenommenen Verteilungsungerechtigkeit leiden. Wir können auch ganz allgemein darunter leiden, dass die Situation so ist, wie sie ist oder, dass der Mensch so ist, wie er unserer Meinung nach eben ist.

Aber auch Maskenträger zu sein, kann psychisch schwer auszuhalten sein. Selbst, wenn ich eine Maske aus medizinischen Gründen benötige, zum Selbstschutz oder sogar zum Schutz anderer, kann ich mich damit unwohl fühlen. Dieses Unwohlsein kann aus verschiedenen Quellen stammen. Ich kann z.B. Sorge haben, ausgegrenzt oder mit Krankheit verknüpft zu werden. Ich kann auch der Überzeugung sein, dass ich es eigentlich nicht wert sei, besonders geschützt zu werden. Oder, wenn mir Verteilungsgerechtigkeit ein großes Anliegen ist, kann ich darunter leiden zu einer privilegierten Gruppe zu gehören. Der Maskenträger ist, solange er noch zur Minderheit gehört, besonders sichtbar. Das kann insbesondere für Personen schwierig sein, die sich gerne so unauffällig wie möglich verhalten und nicht auffallen wollen. Insbesondere auch für Personen, die gerne jedem Konflikt aus dem Weg gehen, ist dies problematisch. Sie könnten befürchten, dafür angefeindet zu werden. Auch kann der Maskenträger in dem Konflikt sein, sich selbst und andere schützen zu wollen, den anderen und sich selbst aber auch gleichzeitig nicht als potentielle Gefahr makieren zu wollen, was er in dem Moment tut, indem er die Maske im Kontakt eben nicht abnimmt. 

Wie können wir nun mit dieser Situation umgehen? Wie ich beispielhaft aufgelistet habe, ist es möglich, mit fast jeder menschlichen Reaktion auf das Maskentragen anderer, aber auch auf das eigene Verwenden einer Atemschutzmaske zu reagieren. Wir kennen die Motive und Hintergründe für uns fremden Personen nicht. Wir wissen nicht, ob sie eine schwere Krankheitsgeschichte haben und vorbelastet sind, ob sie ansteckend sind, ob sie raffgierig waren oder Glück hatten, ob sie eh noch Vorräte Zuhause hatten und und und ....  Neid, Ärger, Wut, Hass sind alles Emotionen, die uns Kraft kosten, wenn Sie nicht zielführend eingesetzt werden können. Führt die körperliche Energetisierung durch Ihren Ärger dazu, dass Sie sich besser geschützt fühlen? Wenn der Frust und Ärger in die eigene Produktion von Masken führt oder in andere Lösungshandlungen umgesetzt wird, dann ist er produktiv, die Energie sinnvoll genutzt. In den meisten Fällen dürften diese Emotionen allerdings ins Leere laufen. Versuchen Sie daher am besten das Beste in ihren Mitmenschen zu sehen. Unterstellen Sie positive Absichten, wie beispielsweise "Er möchte mich schützen". Spüren Sie doch einmal den Unterschied zwischen den beiden Betrachtungswinkeln "Er ist ein rücksichtsloser Egoist" und "Er will mich schützen". Da wir die Wahrheit nicht kennen, ist es doch in unserem Sinne entlastender, wenn wir sie aus der Perspektive betrachten, die uns gut tut. Und psychische Entlastung ist etwas, das wir gerade wirklich gut gebrauchen können! 

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am: 21.04.2020