Was das Virus mit unseren Beziehungen macht

Corona betrifft alle. Egal ob Single-, Paar- oder Familienleben, das Leben vor Corona war ein anderes, als das Leben mit Corona. Wie sehr das Corona-Virus auf Einzelne, Paare oder Familien einwirkt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unterschiedliche räumliche, ökonomische, gesundheitliche, psychische Ausgangssituationen können von Person zu Person, von Familie zu Familie sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Haus mit Garten oder beengte Stadtwohnung, sicheres Anstellungsverhältnis oder in Leiharbeit, kleine Kinder oder kinderlos, mit Vorerkrankung oder kerngesund, introvertiert oder extrovertiert, geringes Kontaktbedürfnis oder ausgeprägter Kontaktwunsch, ängstlich oder zuversichtlich, usw. All diese inneren und äußeren Gegebenheiten wirken auf das eigene ganz subjektive Erleben der aktuellen Situation ein.

 

Unabhängig davon, ob wir als Single, Paar oder in einer Familie leben, wirkt das Corona-Virus negativ auf zutiefst menschliche Bedürfnisse ein. Wir möchten uns sicher und verbunden fühlen. Das Corona-Virus beeinträchtigt diese psychischen Grundbedürfnisse. Der Andere ist plötzlich eine potentielle Gefahr. Sein / ihr Alltagsverhalten kann mögliche negative Auswirkungen für mich und andere haben. Ebenso mein eigenes Verhalten. Da das Verhalten des Anderen nun eine stärkere Bedeutung für mein eigenes Wohlergehen und das meiner Nächsten hat, kann es auch vermehrt zu Konflikten, Anschuldigungen, Kränkungen, Beschämungen, Ärgernissen im Zwischenmenschlichen kommen. Das zwischenmenschliche Spannungsniveau nimmt zu. Und das, wo wir doch normalerweise gerade in der Krise auf das zwischenmenschliche Helfen zurückgreifen. Doch das Miteinander derzeit erfordert mehr Aufmerksamkeit, Misstrauen, Wachheit und Bewusstheit. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn wir uns insgesamt angestrengter, müder, gestresster und einsamer als sonst fühlen. Zudem sind wir auch mit ständigen Veränderungen konfrontiert. Jede Woche gibt es neue Vorgaben, neue Zahlen, neue Meinungen. Das Leben muss umorganisiert werden.  Es muss ausprobiert und herumexperimentiert werden, so z.B. das Arbeiten im Homeoffice. Auch wenn in diesem Herumexperimentieren positive Potentiale schlummern können, ist es doch eine große Anstrengung und Mühe, aus unseren Gewohnheiten heraustreten zu müssen, zumal, wenn uns die Ressourcen zur Bewältigung fehlen. Wir sind zudem mit unterschiedlichsten Theorien und Meinungen konfrontiert, die z.T. zu erheblichen Spannungen im Miteinander führen können. Haltungen und Meinungen unserer Mitmenschen können uns verunsichern und sogar schockieren. Je nachdem, wie nahe uns jemand steht und wie bedeutsam jemand für uns ist, kann das zu starken Stressreaktionen führen. Fast täglich muss ein neuer gesellschaftlicher Konsens ausgehandelt werden. 

 

Je mehr Personen miteinander leben, desto mehr Abläufe im Alltag sind auch durch Regeln und Abmachungen bestimmt. Das Einhalten von Regeln erfordert aber eine Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, die insbesondere jüngere Kinder gar nicht oder nur sehr beschränkt einhalten können. Eltern sind hier ständig mit ihrer Aufmerksamkeit und ihrem Steuern und Eingreifen gefordert. Das ist sehr anstrengend. Die Corona-Situation ist daher in Familien mit kleinen Kindern eine unmögliche Situation. Das kann sehr belastend sein, wenn man sich einerseits gerne nach den Regeln und Empfehlungen verhalten möchte und im Alltag realisiert, wie realitätsfern die Umsetzung sein kann. Kinder fassen sich ins Gesicht, nehmen Dinge in den Mund, halten sich nicht an Abstandsregeln. Es ist eben so. Als Eltern müssen nicht nur die eigenen Wünsche zurückgestellt werden, nicht nur die eigenen Sorgen und Ängste verarbeitet werden. Neue Rollen müssen neben bestehenden eingeübt und ausprobiert werden. Plötzlich ist man Lehrer/ in und einzige(r) Spielgefährte/ in. Man ist gefordert und in den meisten Fällen auch überfordert. Eine unmögliche Situation kann eben auch unmöglich gemeistert werden. Zumindest von Perfektion und überhöhten Ansprüchen sollte man sich daher möglichst schnell verabschieden.

 

Die Probleme von Alleinstehenden werden anderer Art sein. Anders als in einer Paarbeziehung oder beim Familienleben bleibt insbesondere die körperliche Nähe, die Berührung und Zärtlichkeit auf der Strecke. Jedes Treffen mit anderen ist auch mit einer gewissen Verkrampftheit und Merkwürdigkeit belegt. Wunsch und Verstand gehen da nicht immer Hand in Hand. Man will Nähe und man will keine Nähe. Der andere soll mir Nähe geben, aber auch respektvoll Abstand halten. Es kann verwirrend sein. Was ist das richtige Maß an Nähe, an Vorsicht und an Gelassenheit? Darf ich jetzt fremde Menschen treffen? Darf ich daten und wie weit darf so ein Kennenlernen in Corona-Zeiten gehen?

 

Was kann uns helfen? Markieren Sie diese Zeit als Krisenzeit für sich und andere. Das bedeutet, weniger Ansprüche an sich und sein Umfeld zu haben. Äußere Einflüsse haben große Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Verhalten. Wir haben eine kürzere Zündschnur, sind weniger belastbar, vielleicht egoistischer oder haben Gedanken und Wünsche, die wir normalerweise nicht hätten. Das ist normal. Es ist kein Zeichen von Charakterschwäche, sondern menschlich. Es ist dann hilfreich, diesem Denken, Fühlen und Verhalten mit Akzeptanz und Nachsicht zu begegnen und es den äußeren Zuständen zuzuschreiben. Es kommen ganz sicher auch wieder bessere Zeiten!

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 14.05.2020